ROSENTHAL ROTBÜHL – WALTER GROPIUS

Was lange währt, wird doch noch gut. So möchte man sich angesichts der seit 2003 laufenden Vorbereitungszeiten zur Eintragung des von Walter Gropius errichteten Porzellanwerks in die Denkmalliste trösten. Der Name Rosenthal steht – neben anderen der Porzellanbranche – seit vielen Jahrzehnten für die Stadt und die Region Selb. Der Firma kommt dabei bis heute eine ganz besondere Rolle zu, was vor allem Philipp Rosenthal jun. (1916–2001) zu verdanken ist. Ihm gelang es in andernorts kaum erreichter Weise, Porzellan und zeitgenössisches Design unauflöslich miteinander zu verknüpfen, und zwar nicht nur als elitäres Spitzenprodukt, sondern auch als bezahlbare Ware für Haus und Tisch des Bürgers.

Zahlreiche Künstler gingen bei Rosenthal ein und aus und schufen Gebrauchskunstwerke, die heute zu den Klassikern der Porzellangeschichte zählen: Erinnert sei nur an Tapio Wirkkala, Henry Moore und Gianni Versace, in jüngerer Zeit auch Karl Lagerfeld. In diese noch lang fortzuführende Reihe der Prominenz aus Design, Malerei, Mode und Architektur gehört auch Walter Gropius (1883–1969). Philipp Rosenthal gewann den Mitbegründer des Bauhauses nicht nur zur Schöpfung eines bis heute erhältlichen Tee- und Kaffeeservices, sondern auch für Planung und Bau des ebenfalls bis heute produzierenden Werk Rosenthal Rothbühl in Selb.

Rosenthal Werk Rotbühl Selb

Die Rosenthal Porzellanfabrik auf dem Rotbühl in Selb wurde zwischenzeitlich als Baudenkmal eingetragen.

ROSENTHAL ROTBÜHL

Mit der Beauftragung des international bekannten Architekten Walter Gropius hatte Philipp Rosenthal von Anbeginn die Absicht, einen einzigartigen, das Firmenbild nach außen repräsentierenden Bau zu erhalten. Gropius schuf eine durchdachte räumliche Gliederung der Gesamtanlage bei gleichzeitig hervorragender Einpassung in die Landschaft. Der Grundgedanke von Rosenthal und Gropius von der „Vermenschlichung des Arbeitsplatzes“ war ausschlaggebend für die architektonische Auflockerung, die visuellen Kontraste und die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Belegschaft.

Diese sozialen Aspekte fanden im Feierabendbau, aber auch der Öffnung der Fabrikhalle zur umgebenden Natur Berücksichtigung. Nicht zuletzt sind die berühmt gewordenen Flamingos auf dem Werksgelände Teil dieser menschenfreundlichen Philosophie. Die rasche Errichtung der Halle aus vorgefertigten Elementen, das System der vorfabrizierten, flexiblen Bauteile für Umbauten und Erweiterungen setzt wesentliche Kerngedanken der Bauhausbewegung und der internationalen Moderne erstmals in Oberfranken um. Damit ist sozial- und industriegeschichtliche.

Bedeutung gegeben. Walter Gropius war zum Zeitpunkt der Errichtung von Rosenthal am Rotbühl einer der namhaftesten internationalen Architekten. Als Gründer des Bauhauses (1919) und dessen Leiter bis 1928 genoss er einen weltweiten Ruf und erlangte baukünstlerische wie architekturgeschichtliche Bedeutung. Der während der NS-Zeit nach Amerika emigrierte Architekt gründete 1946 die Arbeitsgemeinschaft TAC (The Architects Collaborative Inc.). Ein herausragendes Ergebnis dieser Teamarbeit war das 1949/50 errichtete Graduate Center der Harvard University mit sieben Wohnheimen und einem Gemeinschaftszentrum.

Zu den wichtigsten Arbeiten des Spätwerks gehören ferner das 59-geschossige, prismenförmige PAN AM-Building in New York (1958–63), das im Zusammenwirken mit TAC, Pietro Belluschi und Emery Roth and Sons konzipiert wurde. Annähernd fünfzig Jahre nach dem Bau des Fagus-Werkes in Alfeld/Leine, einer der Inkunabeln der modernen Architektur, errichtete Gropius mit Rosenthal am Rotbühl wieder einen Industriebau, gleichsam als Alterswerk in Deutschland. Im Jahr der Fertigstellung erhielt Gropius den Auftrag zum Bau des Thomas-Glaswerks in Amberg (ebenfalls ein eingetragenes Denkmal), dessen Vollendung 1970 der Architekt nicht mehr erlebte.

Die Aufmerksamkeit für das Rosenthal-Gebäude, das zugleich ein Stück Rehabilitation gegenüber dem während der NS-Zeit verfemten Bauhaus darstellt, war seit der Präsentation der Pläne in der Presse sehr groß, wie eine Veröffentlichung der Firma Rosenthal selbst belegt (Gropius baut für Rosenthal, Selb 1965). Die Berichte sparten kaum mit Lob, so wurde dem Bauwerk „ein Muster an Leichtigkeit, an Eleganz, an Klarheit“ (SZ 17.12.1964) zugeschrieben. Auch in der Folge wurde ihm Anerkennung in wissenschaftlichen Publikationen zuteil.

In zahlreichen Überblicken zur Architektur des 20. Jahrhunderts wie auch in Veröffentlichungen zum Industriebau ist die Fabrikationsanlage vertreten. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Werk Rosenthal Rotbühl für die Industriearchitektur der Nachkriegszeit eine herausragende Leistung darstellt. Der gute Überlieferungszustand und der Erhalt sind bemerkenswert. In Oberfranken ist der Bau des Rosenthal-Werks wohl die bedeutendste architektonische Leistung nach 1945.

Quelle

  1. Verfasser:Martin Brandl
  2. Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege Nr. 148 März 2011