UNZURECHNUNGSFÄHIG

Die Töchter Philipp Rosenthal aus seiner ersten Ehe, Klara und Anna, und deren Kinder fürchteten, bei einer Erb-Auseinandersetzung zu kurz zu kommen. Sie sahen mit scheelen Augen, dass der alte Geheimrat seinem Stiefsohn Udo Frank, den seine zweite Frau mit in die Ehe gebracht hatte, ausserordentliche Vollmachten erteilte. Man wollte den alten Geheimrat für unzurechnungsfähig erklären lassen. Geheimrat Philipp Rosenthal war einer der ersten Auto-Pioniere in Deutschland. Er fuhr bereits im Jahre 1893 den ersten Benz-Wagen mit rückwärtigen Einstieg wie bei einen Krümpner. Manche Tour war eine Tortur.

Aber er war, wie auf allen Gebieten, mit Begeisterung aufgeschlossen für alles Neue. Anscheinend beabsichtigte Rosenthal, den nicht von den Rassegesetzen betroffenen Stiefsohn (den er einige Jahre zuvor wegen seiner hemmungslosen Verschwendungssucht aus dem Hause gejagt hatte) als Statthalter der Rosenthal-Interessen einzusetzen. Als diese Absicht offenbar wurde, beantragten die Söhne der Rosenthal-Tochter Anna beim Gericht, ihren Grossvater zu entmündigen, weil er den Verstand verloren habe. Die Vorstandsmitglieder schlossen sich dem Antrag an, als Geheimrat Rosenthal von ihnen verlangte, seinen Stiefsohn in den Vorstand aufzunehmen. Der Schwager der Rosenthal-Tochter Klara, Vorstandsmitglied Otto Zöllner (der noch heute zum Vorstand der Rosenthal AG gehört), war über dieses Ansinnen des alten Rosenthal so entsetzt, dass er am 10. Oktober 1936 einen Bericht zu den Akten des Amtsgerichts Starnberg gab, in dem es hiess: „Geheimrat Rosenthal hielt einen Vortrag vor dem Vorstand und Aufsichtsratsvorsitzenden mit dem Inhalt, dass er wie der Kaiser von Russland bestimmen könne, und dass auch der Sohn eines Königs nicht als gemeiner Soldat, sondern als Regimentskommandeur beginne.

Damit begann – obwohl unterdessen die Machtübernahme durch den Führer erfolgt war und obwohl Geheimrat Philipp Rosenthal immer wieder auf die Notwendigkeit der absoluten Arisierung der Firma hingewiesen wurde – ein Kampf, bei dem … einzig und allein die Stimme seines Stiefsohnes Udo gehört wurde. In diesem Kampf ging Geheimrat Rosenthal so weit, dass er sich eine Aktienmajorität trotz der damit verbundenen ungeheuren Gefahr für das Unternehmen und die 4000 darin beschäftigten Leute beschaffen wollte. Zu diesem Zweck erhielt Udo Frank, den er unterdessen zu seinem Vermögensverwalter gemacht hatte, ungeheure Beträge in die Hand.

Gleichzeitig schenkte Geheimrat Rosenthal aus der ihm gehörenden GmbH Bahnhof Selbe zwei Drittel Udo Frank, um dieses Unternehmen zu arisieren. Damit gab er sich und den grössten Teil seines Vermögens in die Hände eines jungen Mannes von damals 24 Jahren, obwohl er dessen Verschwendungssucht und Untauglichkeit zu jeder Arbeit hätte kennen müssen…. Wie völlig unzurechnungsfähig Geheimrat Rosenthal schon damals war, geht auch daraus hervor, dass er sich mit Ratgebern allerschlechtester Sorte umgab.

Psychiater diagnostizierten wirklich eine Geistestrübung. 1936 wurde der damals 81jährige Firmengründer entmündigt und unter Vormundschaft gestellt. Um aber auch länger zurückliegende bindende Entschlüsse des entthronten Generaldirektors für nichtig erklären zu können, baten Rosenthals Gegner den damaligen Leiter der Münchner Psychiatrischen und Nervenklinik, Professor Bumke, um ein Gutachten. Bumke fasste alle früheren medizinischen Gutachten in dem Urteil zusammen, dass Rosenthal „infolge schwerer, durch Arterienveränderungen komplizierter Altersveränderungen des Gehirns“ schon seit dem 12. März 1934 fortlaufend geschäftsunfähig gewesen sei. Damit waren Rosenthals Pläne, den Ariseuren mit Hilfe seines Stiefsohnes ein Schnippchen zu schlagen, zunichte gemacht.

Das als GmbH ausgeklammerte Werk Bahnhof Selb, das Rosenthal über Udo Frank der Familie erhalten wollte, wurde zwangsweise der Aktiengesellschaft einverleibt. Wenig später musste die Familie ihr gesamtes Rosenthal-Aktienpaket (1,417 Millionen Mark Nennwert) laut „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ verkaufen. Die Aktien landeten – zum Teil auf Umwegen – bei der Bayrischen Hypotheken- und Wechsel-Bank, die noch heute das grösste Rosenthal-Aktienpaket besitzt. Das Gutachten des Professors Bumke, das den Geheimrat Philipp Rosenthal völlig mattsetzte, datierte vom 15. Februar 1937.

Sechs Wochen später starb der 82jährige in einem Bonner Sanatorium. Seine mit Kunstschätzen geschmückte Villa „Haus Rasten“ in Berg am Starnberger See war bald ebenso verwaist wie sein grosser Rennstall. Die damals 47jährige Witwe des Verstorbenen, Maria Rosenthal, verlegte ihren Wohnsitz nach Cannes an die französische Riviera, wo sie einen alten französischen Aristokraten, den Grafen de Beurges, heiratete.