Geheimrat Philipp Rosenthal

Philipp Rosenthal

Zu Ehren der beiden Rosenthaler Philipp (Geheimrat) und Philip Rosenthal, der 2016 seinen 100. Geburtstag feiern würde, plant das Porzellanikon Selb im Rosenthal Museum eine Ausstellung. Ab den 02. Juli 2016 ist die Ausstellung, laut Porzellanikon bislang grösste Inszenierung der Marke Rosenthal eröffnet. Deshalb hier eine kurze Biografie von Geheimrat Philipp Rosenthal (Gründer der Rosenthal Werke) und Philip Rosenthal jun. (ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Rosenthal AG in Selb, Bayern.

Geheimrat Philipp Rosenthal

Geboren am 06. März 1855 in der kleinen Stadt Werl in Westfalen. Die Eltern betrieben bereits in der dritten Generation das Porzellangewerbe; just aus einer Fabrik, die heute zum Rosenthal Konzern gehört, Krister in Waldenburg, bezog der Grossvater auf Planwagen seine Waren. Die Porzellantradition der Familie – ein guter Stern für den Lebensweg vom Geheimrat Philipp Rosenthal! Der Vater wurde 85 Jahre alt. Eine unversiegbare Lebensenergie, ein gesunder Körper, den ihm die Eltern gaben! Eine glückliche Jugend! Bald zog es ihn hinaus in die welte Welt – Entgegen dem Willen seiner Eltern!

Rosenthal, Sohn eines Porzellangrosshändlers, wurde im väterlichen Betrieb ausgebildet und ging mit 17 Jahren in die USA, wo er im Porzellanhandel arbeitete. 1879 kehrte er nach Deutschland zurück, gründete im selben Jahr eine Porzellanmalerei mit zwei Malern in Schloss Erkersreuth, wozu er das Weissporzellan von der Firma Hutschenreuther bezog. Bereits nach kurzer Zeit beschäftigte Rosenthal 60 Angestellte, verlegte das Unternehmen nach Selb und eröffnete dort 1889 eine eigene Porzellanfabrik.


Geheimrat Philipp Rosenthal

Geheimrat Philipp Rosenthal

Maria Rosenthal

Maria Rosenthal


Rosenthal erweiterte das Unternehmen durch Neugründungen und Ankäufe und wandelte es 1897 in die Philipp Rosenthal & Co. AG um. Internationale Bedeutung erzielte die Firma durch das seit 1908 nach Entwürfen moderner Künstler (unter anderem Henry Moore, Friedensreich Hundertwasser, Salvador Dali, Ernst Fuchs und Helmut Andreas Paul Grieshaber) produzierte Porzellan. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten legte Rosenthal als konvertierter Jude die Geschäftsführung nieder und emigrierte mit seiner Familie nach England. 1950 trat sein Sohn Philip Rosenthal in die Rosenthal AG ein. 1816 entdeckte der Thüringer Carl Magnus Hutschenreuther, dessen Namen heute eine weltbekannte Firma trägt, in der Nähe von Selb im Fichtelgebirge ein Kaolin-Vorkommen.

Es wurde die Rohstoffbasis der ersten Porzellanmanufaktur im Bezirk Selb. Rund 60 Jahre später tauchte bei Hutschenreuther ein kraushaariger unternehmungslustiger Mann von 25 Jahren auf, um für ein amerikanisches Warenhaus Porzellan einzukaufen. Der junge Mann hiess Philipp Rosenthal. Er war nach siebenjährigem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, wo er sich unter anderem als Laufjunge, Tellerwäscher und Postreiter betätigt hatte, nach Deutschland zurückgekehrt. Wie schon sein Vater und sein Grossvater im westfälischen Werl wandte sich auch Philipp Rosenthal dem Porzellanhandel zu.

Bei seinen Einkäufen im nordbayrischen Selb machte nun Geheimrat Philipp Rosenthal (der Vater des heutigen Firmendirektors) die Erfahrung, dass er um bemaltes Porzellan, das er für seine amerikanischen Auftraggeber beschaffen sollte, geradezu betteln musste; kurzerhand entschloss er sich: „Ich mache das Zeug selbst.“ 1880 hatte er genug Geld gespart, um im markgräflichen Schloss Erkersreuth, drei Kilometer von Selb entfernt, eine Porzellanmalerei einrichten zu können. Das unbemalte Rohporzellan kaufte Rosenthal zunächst von Hutschenreuther und liess es von einem Gehilfen und seiner geschickten Frau Mathilde dekorieren, der Schwester des Berliner Modespezialisten Auerbach. Immer wenn eine Kiste Ware fertig war, fuhr Mathilde Rosenthal sie auf einem vierrädrigen Handkarren zum Bahnhof Plössberg. Zunächst schien es jedoch so, als solle das Unternehmen alsbald wieder an Kapitalmangel eingehen.

Erst als Rosenthal einen kitschigen Artikel herausbrachte, kam die entscheidende Wendung: Es war ein simpler Porzellanteller, in dessen Mitte eine glimmende Zigarre abgebildet war mit der Umschrift: „Ruheplätzchen für Zigarren“. Rosenthal konnte in kurzer Zeit grosse Mengen „Ruheplätzchen“ verkaufen und war bald der ärgsten finanziellen Sorgen enthoben. Er wagte sich sogleich an grössere Aufgaben und brachte für die auf Repräsentation bedachten wohlhabenden Bürger der Gründerjahre eine Reihe von sogenannten klassischen Servicen heraus, die dem Geschmack jener Zeit entsprachen. Es waren Service mit klingenden Namen, wie „Monbijou“, „Pompadour“ und „Louis XIV“. Nebenher entwickelte Geheimrat Philipp Rosenthal auch gediegenere Formen und Muster.

Er trug dazu bei, dass sich die meisten Privatmanufakturen von der bis dahin obligaten Stilrichtung befreiten und allmählich darauf verzichteten, französischen Barock- und Empirestil nachzuahmen. Monatelang durchstreifte Rosenthal Museen und Kunstausstellungen, um Anregungen für eigene Entwürfe zu be-kommen. So schuf er bis zur Jahrhundertwende dem aufblühenden Bürgertum angemalte Gerätschaften für seine Tafelfreuden. Vor dem Jahre 1900 bestand als einziger wirtschaftlicher Zusammenschluss in der Keramik der Keramische Verband, der bereits im Jahre 1877 gegründet worden war.

Auf Anregung von Geheimrat Philipp Rosenthal, dessen scharfsinnigen und zielbewussten Gründers der Rosenthal Porzellanfabrik, dem die Qualität des neuen deutschen Porzellans die wertvollsten Anregungen verdankt, erließ der Keramische Verband eine Einladung an alle Porzellanfabriken zu einer Versammlung in Berlin am 9. Juni 1899. In dieser Versammlung wurde die Gründung einer Vereinigung beschlossen, die den Zweck haben sollte, die Porzellange-schirrbranche zu heben, und zwar in erster Linie durch Festlegung von Minimalpreisen für die Stapelartikel. In dieser Gründungssitzung wurde auch die Einrichtung eines Kontrollbüros beschlossen, das so eingerichtet sein sollte, dass die Einhaltung der getroffenen Massnahmen unbedingt gesichert sei. Philipp Rosenthal wurde Vorsitzender der Vereinigung deutscher Porzellanfabriken zur Hebung der Porzellanindustrie, G.m.b.H, in der Gründungsversammlung am 25. Januar 1900.

Villa Rosenthal, 1896 erbaut, mit reicher Ausstattung, turmähnlichen Aufsätzen und mehreren Veranden macht einen höchst imposanten Eindruck. Im Stile der Neurenaissance erbaut, kam sie, weil auf einer Anhöhe erbaut, damals herrlich zur Geltung. Heute versteckt, unbeachtet und leerstehend, die Renovierung unterbrochen, erwartet sie neue Aufgaben. Sie steht hier stellvertretend für eine ganze Reihe von Fabrikantenvillen der Gründerzeit. Als Hutschenreuther merkte, dass Rosenthal durch seine Porzellanmalerei reich wurde, wollte er ihm keine Rohware mehr liefern und stiftete auch die Nachbarfirma Zeidler an, Rosenthal zu boykottieren. Daraufhin baute sich der erfolgreiche Porzellanmaler seine eigene Fabrik. Unablässig reiste er mit dem Musterkoffer von Land zu Land, um Exportmöglichkeiten anzubahnen.

Bis dahin war die Herstellung des feinen bürgerlichen Gebrauchsporzellans eine Domäne der französischen Manufaktur, Limoges gewesen, die nun durch Rosenthals Geschäftseifer in wenigen Jahren viele Kunden einbüsste. Neue Rosenthal-Fabriken wurden errichtet und schliesslich 1897 zur Rosenthal-Aktiengesellschaft zusammengefasst, an der Philipp Rosenthal 20 Prozent der Aktien behielt. Als Generaldirektor dieser Gesellschaft, der bald acht Fabriken gehörten, umgab er sich mit der Aura des Grandseigneurs. Hunde, Pferde und schöne Frauen gehörten zu seinen Passionen wie Kaolin, Feldspat und Quarz zum Porzellan.

Wenn Rosenthal einen neuen Verkaufsschlager herausbrachte, zum Beispiel Porzellan-Amuletts an Silberketten und Porzellanschmuck, mit dem er Hunderttausende verdiente, dann liess er sich nur von dem einen Gedanken leiten: „Wie reagiert darauf die weibliche Psyche?“. Dass er sie gründlich kannte, bestätigten ihm seine Freunde in einer Monographie: „Wer je das Glück hatte, in stiller Stunde bei einem Glase Wein mit ihm über Frauen zu sprechen, der wird gefühlt haben, dass er die Frauen kennt wie keiner wieder.

Er ist ein Schönheitssucher und sagt: ‚Das Schönste auf Erden sind das Weib und das Pferd.’“ Seine schönsten Service tragen Frauennamen, wie „Isolde“, „Rosalinde“, „Lu“ und „Maria“. Keines reüssierte so wie das Service „Maria“, und keine Dame lag ihm mehr am Herzen als Maria, geborene Franck, geschiedene Frank, die seine zweite Frau wurde. Mit dem nach ihr benannten acht- und zwölfeckigen Service „Maria“, das später die Handelsbezeichnung „Maria weiss“ erhielt, weil es nicht farbig dekoriert, sondern mit einer Fruchtreliefkante verziert ist, hat der Einzelhandel in den vergangenen vierzig Jahren einen Umsatz von 45 Millionen Mark erzielt. Als dieses Erfolgsservice 1913 zum erstenmal aus dem Brennofen kam, war Rosenthals Ehe mit der fleissigen Porzellanmalerin Mathilde Auerbach, die seine ersten Verkaufsschlager dekoriert hatte, schon zerbrochen.

Er hatte sich der Tochter seines Justitiars, des königlichen Advokaten Josef Franck, zugewandt. Ihre Ehe mit dem Münchner Sanitätsrat Dr. med. Alfred Frank wurde am 3. März 1916 geschieden. Dann heiratete der damals 61jährige Rosenthal, der inzwischen zum Geheimen Kommerzienrat ernannt worden war, die 35 Jahre jüngere Maria. Der Geheimrat war glücklich, als ihm im Jahre 1916 ein Sohn geboren wurde (er besass bis dahin nur zwei Töchter aus erster Ehe). Dieser Sohn, Philip Rosenthal junior, wurde in jungen Jahren wie ein Kronprinz in der Schweiz und später in England erzogen, so dass er seinen vielbeschäftigten Vater kaum kennenlernte und erst nach Jahren von dessen Alterstragödie erfuhr. Wenige Jahre später erlosch der Nimbus, der den alten Geheimrat Philipp Rosenthal jahrzehntelang umgeben hatte.

Er hatte sich stets als nationalbewusster Industrieführer gefühlt, der bei den Spitzen der Republik von Stresemann bis Hindenburg – gut angeschrieben war. Seine Ideen über die Exportförderung durch exakte Marktbeobachtung, schnellste Nachrichtenübermittlung und intensive Propaganda für deutsche Erzeugnisse mit Hilfe des weltweiten Werbeapparats der Leipziger Messe* hatte sich die Weimarer Republik zunutze gemacht. Rosenthal bereiste das Ausland als Sendbote des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, dessen Präsidium er angehörte. 1929 hatte ein Freund des Hauses dem Geheimrat ins Stammbuch geschrieben:

Im hohen Alter noch das schönste Weib, Im hohen Alter noch das schnellste Pferd, Im hohen Alter noch ein klarer Geist, Im hohen Alter noch der Künste Meister, Fürwahr, ein gottbegnadetes Leben!

Auch im Ausland legte Rosenthal weder das Monokel noch die Attitüde des konservativen Industriebarons ab, auf die er so stolz war, dass er sie sich ausdrücklich in einer Monographie bescheinigen liess: „Mit Reithose, Gamaschen, Sportsakko und mit der weissen Plastron-Krawatte kennen ihn alle seine Freunde, alle seine Arbeiter und Angestellten, wie er ihnen frisch und munter, schneidig und scharf an irgendeinem Ende der Fabrik erschien.“ Es freute ihn diebisch, dass man ihn einmal in Amerika für einen preussischen Obersten hielt. Seine forsche Attitüde schützte ihn aber während des Dritten Reiches nicht vor den Rassegesetzen.

Wegen des Ansehens der Firma im Ausland wagte man allerdings nicht, frontal gegen ihn vorzugehen, nachdem Rosenthal 1934 freiwillig den Vorsitz im Vorstand der Aktiengesellschaft niedergelegt hatte. Einer der Direktoren setzte bei Goebbels durch, dass die Firma von dem Judenboykott verschont blieb, und der bayrische Innenminister stellte Rosenthal einen Freibrief aus, der ausdrücklich bestimmte, dass dem Geheimrat kein Haar gekrümmt werden dürfe. Doch bot sich – durch Familienzwistigkeiten begünstigt – bald eine Gelegenheit, Rosenthal unauffällig aus seinem Besitz zu verdrängen.

Völlig unzurechnungsfähig

Die Töchter aus seiner ersten Ehe, Klara und Anna, und deren Kinder fürchteten, bei einer Erb-Auseinandersetzung zu kurz zu kommen. Sie sahen mit scheelen Augen, dass der alte Geheimrat seinem Stiefsohn Udo Frank, den seine zweite Frau mit in die Ehe gebracht hatte, ausserordentliche Vollmachten erteilte. Geheimrat Philipp Rosenthal war einer der ersten Auto-Pioniere in Deutschland. Er fuhr bereits im Jahre 1893 den ersten Benz-Wagen mit rückwärtigen Einstieg wie bei einen Krümpner. Manche Tour war eine Tortur.

Aber er war, wie auf allen Gebieten, mit Begeisterung aufgeschlossen für alles Neue. Anscheinend beabsichtigte Rosenthal, den nicht von den Rassegesetzen betroffenen Stiefsohn (den er einige Jahre zuvor wegen seiner hemmungslosen Verschwendungssucht aus dem Hause gejagt hatte) als Statthalter der Rosenthal-Interessen einzusetzen. Als diese Absicht offenbar wurde, beantragten die Söhne der Rosenthal-Tochter Anna beim Gericht, ihren Grossvater zu entmündigen, weil er den Verstand verloren habe. Die Vorstandsmitglieder schlossen sich dem Antrag an, als Geheimrat Rosenthal von ihnen verlangte, seinen Stiefsohn in den Vorstand aufzunehmen. Der Schwager der Rosenthal-Tochter Klara, Vorstandsmitglied Otto Zöllner (der noch heute zum Vorstand der Rosenthal AG gehört), war über dieses Ansinnen des alten Rosenthal so entsetzt, dass er am 10. Oktober 1936 einen Bericht zu den Akten des Amtsgerichts Starnberg gab, in dem es hiess: „Geheimrat Rosenthal hielt einen Vortrag vor dem Vorstand und Aufsichtsratsvorsitzenden mit dem Inhalt, dass er wie der Kaiser von Russland bestimmen könne, und dass auch der Sohn eines Königs nicht als gemeiner Soldat, sondern als Regimentskommandeur beginne.

Damit begann – obwohl unterdessen die Machtübernahme durch den Führer erfolgt war und obwohl Geheimrat Philipp Rosenthal immer wieder auf die Notwendigkeit der absoluten Arisierung der Firma hingewiesen wurde – ein Kampf, bei dem … einzig und allein die Stimme seines Stiefsohnes Udo gehört wurde. In diesem Kampf ging Geheimrat Rosenthal so weit, dass er sich eine Aktienmajorität trotz der damit verbundenen ungeheuren Gefahr für das Unternehmen und die 4000 darin beschäftigten Leute beschaffen wollte. Zu diesem Zweck erhielt Udo Frank, den er unterdessen zu seinem Vermögensverwalter gemacht hatte, ungeheure Beträge in die Hand. Gleichzeitig schenkte Geheimrat Rosenthal aus der ihm gehörenden GmbH Bahnhof Selbe zwei Drittel Udo Frank, um dieses Unternehmen zu arisieren. Damit gab er sich und den grössten Teil seines Vermögens in die Hände eines jungen Mannes von damals 24 Jahren, obwohl er dessen Verschwendungssucht und Untauglichkeit zu jeder Arbeit hätte kennen müssen…. Wie völlig unzurechnungsfähig Geheimrat Rosenthal schon damals war, geht auch daraus hervor, dass er sich mit Ratgebern allerschlechtester Sorte umgab.

Psychiater diagnostizierten wirklich eine Geistestrübung. 1936 wurde der damals 81jährige Firmengründer entmündigt und unter Vormundschaft gestellt. Um aber auch länger zurückliegende bindende Entschlüsse des entthronten Generaldirektors für nichtig erklären zu können, baten Rosenthals Gegner den damaligen Leiter der Münchner Psychiatrischen und Nervenklinik, Professor Bumke, um ein Gutachten. Bumke fasste alle früheren medizinischen Gutachten in dem Urteil zusammen, dass Rosenthal „infolge schwerer, durch Arterienveränderungen komplizierter Altersveränderungen des Gehirns“ schon seit dem 12. März 1934 fortlaufend geschäftsunfähig gewesen sei. Damit waren Rosenthals Pläne, den Ariseuren mit Hilfe seines Stiefsohnes ein Schnippchen zu schlagen, zunichte gemacht.

Das als GmbH ausgeklammerte Werk Bahnhof Selb, das Rosenthal über Udo Frank der Familie erhalten wollte, wurde zwangsweise der Aktiengesellschaft einverleibt. Wenig später musste die Familie ihr gesamtes Rosenthal-Aktienpaket (1,417 Millionen Mark Nennwert) laut „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ verkaufen. Die Aktien landeten – zum Teil auf Umwegen – bei der Bayrischen Hypotheken- und Wechsel-Bank, die noch heute das grösste Rosenthal-Aktienpaket besitzt. Das Gutachten des Professors Bumke, das den Geheimrat Philipp Rosenthal völlig mattsetzte, datierte vom 15. Februar 1937. Sechs Wochen später starb der 82jährige in einem Bonner Sanatorium. Seine mit Kunstschätzen geschmückte Villa „Haus Rasten“ in Berg am Starnberger See war bald ebenso verwaist wie sein grosser Rennstall. Die damals 47jährige Witwe des Verstorbenen, Maria Rosenthal, verlegte ihren Wohnsitz nach Cannes an die französische Riviera, wo sie einen alten französischen Aristokraten, den Grafen de Beurges, heiratete.

Geheimrat Philipp Rosenthal und die Leipziger Messe

Die Leipziger Messe der Vorkriegszeit hatte schon immer das ganz besondere Interesse Ph. Rosenthals. Bereits seit dem Jahre 1879 kommt Ph. Rosenthal zur Leipziger Messe und im Jahre seines 50jährigen Arbeitsjubiläums kann er auch den ununterbrochenen Besuch der Leipziger Messe zum 100. Male feiern. Geheimrat Philipp Rosenthal sah schon vor dem I. Weltkrieg in der Leipziger Messe die grossartigste Gelegenheit, mit einfachsten Mitteln seine Erzeugnisse dem Handel der ganzen Welt vorzuführen, und er verdankt in der Tat der Leipziger Messe persönlich und für seine Werke die wertvollsten Auslandsverbindungen. Wie in seiner Firma, so hat auch der Export nach Amerika in der gesamten keramischen Industrie durch die Leipziger Messe eine gewaltige Wandlung erfahren.

Während früher die Amerikaner ihre Waren in Böhmen, Italien und Frankreich kauften, waren es speziell die Ausstellungen der Leipziger Messe, die zu einem gewaltigen Auftrieb in dem Export Deutschlands nach dem Vereinigten Staaten führten. Bis kurz vor dem I. Weltkrieg befand sich das Musterlager seiner schon damals bedeutenden Fabriken in einem Parterrelokal des Städtischen Kaufhaues mit dazugehörigen Kellerräumen. Klein und eng war diese Ausstellung und doch hat sie grosse Umsätze gesehen und Fortschritt und Wachsen der Firma von Messe zu Messe. Als die Kunstabteilung im Jahre 1908 in Selb von Geheimrat Philipp Rosenthal gegründet wurde, da war kein Platz mehr für die neuen Gegenstände, und zum ersten Mal machte Ph. Rosenthal den Versuch, abseits vom Messebetriebe im Hotel Stadt Rom im Frühstückszimmer diese Kollektionen auszustellen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten kamen auch dorthin die Kunden. Kurz vor dem I. Weltkrieg zog Geheimrat Philipp Rosenthal mit allen seinen Fabriken in das Gebäude der Dresdner Bank am Augustusplatz und schuf dort Ausstellungsräume für seine Fabrikate, wie Leipzig sie vorher nie kannte. Er machte sein Messe Musterlager zur grandiosen Ausstellung, zu einer Sehenswürdigkeit. Als der Krieg im Jahre 1914 ausbrach, starb die Leipziger Herbstmesse. Der Kaufmann streckte die Waffen vor dem Soldaten. Damals erkannte wohl als erster Ph. Rosenthal die Notwendigkeit, auch im Kriege die Leipziger Messe zu halten, und von da ab gehen seine zähen unermüdlichen Bestrebungen, sie zu fördern.

Als im Laufe des I. Weltkrieges im Ausland Messen ins Leben gerufen wurden, da erkannte er, dass dies den Zweck hatte, die Isolierung Deutschlands zu benützen, um der Leipziger Messe ein für alle mal den Todesstoss zu geben. Er erkannte mit weitschauenen Blick die Notwendigkeit der Schaffung einer besonderen Organisation zur Verwaltung und Förderung der Leipziger Messe. Bereits im Jahre 1914 gründete Ph. Rosenthal den Verband Deutscher Exportindustrien, der speziell ausser vielen anderen Aufgaben die Neugestaltung der Leipziger Messe betreiben sollte. Dieser Verband ging später über in den Reichsverband der Deutschen Industrie. Auf seinen Rat hin kam es zur Gründung der Zentralstelle für Interessenten der Leipziger Mustermessen, deren Vorsitzender er wurde. Neben Tausenden von Einzelmitgliedern gehöre dieser Zentralstelle 228 Verbände und Handelskammern als Körperschaftsmitglieder an.

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